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Tous les avis pour : Espresso Fishing (2014)
Fischers Fritz trinkt frischen Kaffee
Ich bin weiß Gott niemand, der einen Fernseher braucht, um prima einschlafen zu können. Aber ich habe mir sagen lassen, dass es so einige Sportkanäle gibt, die Nachts nicht nur 0800er-Verbalerotik bewerben, sondern auch praktischerweise Sportarten übertragen, deren passive Betrachtung das Einschlafen erleichtern. Billard wäre so etwas. Oder Darts. Für mich bis zur Anstrengung langweilig, wenn ich zusehen muss. Ausdauer verlangt auch der Angelsport. Still atmend am Ufer zu sitzen und zu warten, bis ein Fisch beißt, kann ganz unfreiwillig narkotisch wirken. Gut, wenn Fischers Fritz etwas zum Wachhalten dabei hat. Und genau das, Karpfen und Kaffee, thematisiert Espresso Fishing! Was für eine Hintergrundgeschichte: Die Spieler hocken rund um den Teich und erwürfeln sich die meisten Fische. Aber Achtung, manch Angler schläft vor lauter Stillsitzen dabei ein und nur ein Espresso-Chip verhindert schlimmeres. Für solch ein innovatives Thema gibt es schon mal einen Pluspunkt. [Espresso Fishing:] Nach meiner letzten Partie eines Piatnik-Spiels hatte ich meine Erwartungen angepasst (lies: gesenkt) und wurde aber tatsächlich freudig überrascht. Davide Rigolone hat hier ein Würfelspiel entwickelt, das auch noch dank des griffigen Materials zum sofortigen Ausprobieren reizt. In der Box stecken neben Würfeln und Chips unterschiedlichste Miniaturfische aus weichem, gummiartigem Material. Es macht Spaß damit herumzufuchteln, sie wie ein Profi-Angler auf den Tisch zu klopfen, die Knutschmünder aneinander zu drücken und zwischendurch immer wieder damit herumzualbern. Das Würfelsystem hat ein paar schräge Extraregeln, die aber schnell gelernt sind: In meinem Zug würfle ich zunächst alle roten und blauen Würfel, danach darf ich jeden Würfel einzeln nochmals nachwerfen. Warum? Entweder ich will angeln, dazu braucht es mindestens einmal den Haken, einen Wurm und mindestens eine Welle. Die gibt’s in den Versionen „halbe Welle“, „Welle“ und „Doppelwelle“ - die „Dauerwelle“ fehlt leider. Bin ich mit meinem Wurf zufrieden, dann darf ich in einem zweiten Schritt so oft mit dem weißen Würfel fischen gehen, wie die Anzahl Haken multipliziert mit allen Wellensymbolen ergibt. Wer es also drauf anlegt (und dazu rate ich), der kann schon mal acht Angelversuche schaffen. Der weiße Würfel zeigt einen Fisch, einen roten Doppelfisch (den man aber nur nehmen darf, wenn man einen Wurm mit einem roten Würfel hat, Regeldingdong Deluxe!), einen Schuh (nix!) und das „Zzz“-Zeichen. Damit ist mein Angler eingeschlafen und das war es. Erst mit der Zahlung eines meiner zwei Espresso-Chips kann ich wach bleiben und weiterwürfeln. Ihr merkt schon: Den Koffeinschuss braucht, wer nicht auf seine zahlreichen Würfe verzichten will. Alternativ kann ich aber auch versuchen, mit den Würfeln und Symbolen die üblichen Kniffeltricks zu landen: Full House, Vierer, Fünfer oder die Spezialkombo „3 gleiche blaue und 2 gleiche rote Symbole“. All das erlaubt das fleissige Klauen aus den gegnerischen Beständen. Ich sag’s gleich: Klauen bringt nicht so viel wie die Angelei. Bricht aber Mehrheiten. Und die sind gegen Ende sehr wichtig. Schließlich gewinnt, wer die meisten Fische an Land ziehen konnte. Die Sache hat nur noch einen Haken (Ist ja auch ein Angelspiel): Bei Gleichständen entscheidet der Goldfisch. Er ist ein Unikat und geht während einer Partie gerne durch mehr Hände als die Fischstäbchen in der Käptn-Iglo-Fabrik. Wer mit der Klau-Aktion also Goldie nimmt, weiß, dass er den sicher nicht lange hat. Also doch lieber einen normalen Fisch mitgehen lassen? Auch schon gesehen: Am Ende haben zwei Spieler die meisten Fische, aber keiner davon den Goldfisch. Dann fliegen beide gemeinerweise raus und der Spieler mit den zweitmeisten Fischen gewinnt. Diese Regelung würzt das Spiel besser als jedes Fenchel-Estragon-Salz: Plötzlich wird nicht mehr geschachert, sondern subtil um Mehrheiten taktiert. Das Spiel ist übrigens dann zu Ende, wenn alle Fische aus dem Teich gezogen wurden. Nachhaltige Fischerei kennt man bei Piatnik scheinbar auch nicht. Natürlich, Espresso Fishing ist ein Würfelspiel. Da kann es sein, dass ein Spieler beim Angeln einfach nur Glück hat und einen Fisch nach dem anderen zieht. Oder sein erster Wurf ist ständig das „Zzz“ und der Espresso ist schnell leergeschlürft. Dann muss sich aufs Klauen verlegt werden. Der Sieger ist manchmal klar von Fortuna gesegnet, manchmal aber auch ein hart arbeitender Fischereimeister. Ich kann einigermaßen selbst steuern, wo ich hin will. Wenn die Würfel aber Gelegenheiten zum Diebstahl bieten, sollte man sie nicht verstreichen lassen. Mir gefällt Espresso Fishing als das, was es sein will: Ein gut ausgestatteter, spielerisch und thematisch humorvoller Anheizer, der alle am Tisch im Spiel hält und so auch in größeren Runden kaum Wartezeiten erzwingt. Zum Einschlafen ist Espresso Fishing jedenfalls nicht geeignet.

Monsieur Guido

18/07/2014

6,5